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Sehen Sie's mal wie wir!

„Jede Nacht war ich unterwegs“

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Als die Lage in Syrien immer schlimmer wurde, begab sich Ahmad Msalam auf die Flucht. Er und seine Familie liefen weite Wege zu Fuß und wären mit einem Schlauchboot fast gekentert. In Deutschland angekommen, verschlechterte sich sein Sehen stark. Deutsch lernte er am Berufsförderungswerk Würzburg, wo er jetzt auch eine Umschulung macht. Und er träumt davon, irgendwann Musik zu studieren.

Von Ahmad Msalam

Ich bin Kurde und komme aus Syrien. Ich bin in einer Stadt namens Raqqa geboren, das liegt in Nordsyrien. Dort habe ich eine Ausbildung als Krankenpfleger gemacht und bis Juni 2014 in einem öffentlichen Krankenhaus gearbeitet. Ich hatte viele Nachtschichten und habe als Hobby viel am Computer gearbeitet. Das hat meinen Augen geschadet. Ich hatte eine Netzhautablösung, wurde operiert und hatte danach einen Sehrest von 70 Prozent auf dem linken Auge; das rechte war schon blind. Auch Glaukom habe ich bekommen. Bevor ich meine Heimat verließ, verschlechterte sich mein Sehrest auf 60 Prozent.

Als der Krieg im März 2013 begann, wurde die Stadt stark bombardiert. Trotzdem habe ich weiter im Krankenhaus in der Notfallstation gearbeitet. Es war schlimm. An einem Tag war der Boden im Krankenhaus rot vor Blut. Ich habe versucht, alles auszuhalten, was passierte.

Als dann unsere Stadt vom IS erobert wurde, weil wir Kurden weltoffene Leute waren, haben sie uns unterdrückt und gaben uns nur kurze Zeit, die Stadt zu verlassen. So begaben sich meine Familie und ich im Dezember 2014 auf die Flucht. Die Grenze zur Türkei haben wir zu Fuß überquert, sind weiter zur türkisch-irakischen Grenze und bis Juli 2015 zwischen den Grenzen zum Nordirak und zur Türkei hin und her. Ein unstabiles Leben.

Meine Schwester, ihre zwei kleinen Söhne, mein jüngster Bruder und ich wollten versuchen, nach Europa zu gelangen. Wir suchten Sicherheit. Der Mann meiner Schwester war schon in Deutschland. Wir waren nachts unterwegs, und ich hatte Probleme zu sehen – meine Schwester und mein Bruder sind immer vor und hinter mir gelaufen. Es war schwierig, denn ich habe immer ein Kind getragen und hatte einen schweren Rucksack auf.

Unseren ersten Versuch, von der Türkei nach Griechenland zu gelangen, machten wir im Juli 2015 in einem Schlauchboot, mit etwa 40 Leuten. Nachts um zwei sind wir von Izmir auf ein kleines Licht auf der Insel Chios zugefahren. Aber plötzlich kamen hohe Wellen. Es war viel Wasser im Boot. Die Leute fingen vor Angst an zu weinen. Meine Schwester kann nicht schwimmen, ich nur ein bisschen. Jemand hat versucht, die griechische Küstenwache anzurufen, doch die hat nicht reagiert. Wir haben versucht, das Wasser aus dem Schlauchboot zu kriegen. Nach einer Stunde kam endlich ein Boot der türkischen Küstenwache. Sie haben uns in ihr Boot geholt. Unsere Rucksäcke sind mit dem Schlauchboot gesunken. Wir waren durchnässt, hatten keine Kleidung und kein Trinkwasser mehr. Wir saßen zitternd vor Kälte auf dem Kai. Dann kamen wir für fünf Tage ins Gefängnis.

Wiedersehen nach sieben Monaten

Danach versuchten wir noch einmal zu fliehen. Wir hatten keine andere Wahl. Wohin hätten wir gehen sollen? Beim zweiten Versuch ist die Flucht nach Griechenland geglückt – wieder mit einem Schlauchboot. Ich erinnere mich an das Gefühl, als wir auf Lesbos ankamen: Endlich! Wir mussten zur Hauptstadt der Insel laufen, 60 Kilometer. Dort musste man sich registrieren. Kein Auto durfte Flüchtlinge mitnehmen, also mussten wir laufen. Wir waren mit anderen Kurden unterwegs und haben 40 Kilometer zu Fuß geschafft. Als wir zu einer Polizeiwache kamen, haben wir gesagt: Wir können nicht weiterlaufen. Es war heiß, und ich musste ja auch immer ein Kind tragen. Sie haben einen Bus organisiert, und wir konnten zu einem Flüchtlingslager in Mytelini fahren. Dort mussten wir Papiere ausfüllen und fuhren mit einem großen Schiff nach Athen.

Wir sind über Thessaloniki nach Mazedonien und von dort aus nach Serbien geflüchtet – die Grenzen mussten wir immer nachts überqueren. In jedem Land haben wir Papiere bekommen, dass wir weiterreisen, aber nicht die Grenze überqueren durften. Die schwierigste Grenze war die zwischen Serbien und Ungarn. Das ungarische Militär hat uns erwischt, wir kamen ins Gefängnis. Niemand wollte in Ungarn registriert werden, alle wollten weiter. Nach fünf Tagen haben wir ein Papier bekommen, dass wir uns in Ungarn bewegen durften. Wir haben es schließlich geschafft, von Ungarn aus mit dem Auto durch Österreich bis München zu kommen und von dort nach Frankfurt. Dort trafen wir endlich meinen Schwager. Er, seine Frau und seine Kinder sahen sich zum ersten Mal nach sieben Monaten.

Als wir im August 2015 nach Deutschland kamen, hießen die Leute uns willkommen. In diesem Moment dachte ich: „Das ist meine zweite Zukunft, ein neues Heimatland.“ In Neumünster in Schleswig-Holstein kamen wir in ein Heim. Jede Nacht war ich unterwegs, träumte vom Laufen, Laufen, Laufen.

Im Dezember 2015 wurde ich wegen meiner Augen in Hamburg operiert, doch danach wurde es noch schlechter. Im Februar 2016 bekam ich Blutungen im Auge und konnte plötzlich gar nichts mehr sehen. Einen Monat später in einer Augenklinik in Bremen schlug eine Ärztin eine weitere OP vor. Danach konnte ich endlich wieder sehen, aber nur 20 Prozent, das rechte Auge blieb blind. Jetzt habe ich noch einen Sehrest von fünf bis zehn Prozent. Auch das Gesichtsfeld hat sich verschlechtert. Mit dieser Einschränkung konnte ich meinen Deutschkurs nicht weitermachen, doch zum Glück bot das Berufsförderungswerk Würzburg Sprachkurse für Geflüchtete mit Seheinschränkungen an. Endlich eine gute Nachricht!

Ich war süchtig zu lernen

Voller Begeisterung und Hoffnung fuhr ich im Januar 2017 nach Würzburg. Ich habe einen Orientierungskurs und die Sprachkurse B1 und B2 gemacht, danach eine Grundreha, um die blindentechnischen Grundlagen zu lernen. Im Februar 2020 habe ich eine Umschulung zum Kaufmann im Gesundheitswesen angefangen. Eigentlich wollte ich Richtung Verwaltung gehen, aber das war wegen der Sprache zu schwierig und braucht mehr Vorbereitung. Ich wollte viel über Gesetze erfahren – in der Grundreha haben wir das Grundgesetz kennengelernt, das hat mir gefallen: Grundwerte, Freiheit, freie Meinungsäußerung, das ist alles gut geschützt hier – deshalb wollte ich mich noch mehr mit Gesetzen beschäftigen.

Ich bin ein Typ, der gerne lernt. Vieles habe ich über das Hören und Tippen gemacht. Ich komme am PC gut zurecht. Wenn ich Filme und Serien geguckt und ein Wort nicht verstanden habe, habe ich es in ein Diktiergerät gesprochen und eine Übersetzung gesucht. So habe ich jeden Tag etwa 25 Wörter gelernt. Ich war süchtig zu lernen, besonders deutsche Grammatik.

Natürlich haben mir auch Kontakte geholfen, mit meinen Nachbarn und Kollegen zum Beispiel. Dialekte wie Bayerisch und Fränkisch hatte ich vorher nie gehört. Es war schön, sie kennenzulernen. Und natürlich die Mentalität hier. Im BFW wurde ich in die Teilnehmervertretung gewählt. Ich bin gern in einem Team. Ich bin in Würzburg auch im Musikverein „Willkommen mit Musik“; dort wurde ich auch in den Beirat gewählt Ich lerne Klavier und singe in einem Chor. Ich hoffe, dass ich irgendwann einmal Musik studieren kann. Mein fernes Ziel ist es, Musiktherapeut zu werden. Erst möchte ich aber die Umschulung abschließen.

Ich war unterwegs immer optimistisch. Wir hatten ein festes Ziel, und ich wusste: Wir werden es irgendwann erreichen. Ich habe gelernt, dass man nie aufgeben darf. Ich bin ein geduldiger Mensch, ehrgeizig, mitfühlend, hilfsbereit und aufmerksam. Für mich ist Menschlichkeit wichtig. Das bin ich – ein friedlicher Mensch, wie mein Nachname: Salam ist der Frieden, Msalam die Person, die Frieden bringt.

Ahmad Msalam (33) lebt in Würzburg.


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Hier finden Sie den Podcast des DBSV-Verbandsmagazins "Sichtweisen“, der aus zwei Reihen besteht:

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