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„Das ist in gewisser Weise Lotto“

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Die einen fühlen sich wohl an ihrem Arbeitsplatz, werden von Kollegen und Vorgesetzten unterstützt; die anderen wünschen sich einen solchen Arbeitsplatz, haben ihn aber (noch) nicht gefunden. Sieben sehbehinderte bzw. blinde Männer und Frauen erzählen, wie es bei ihnen mit beruflicher Teilhabe aussieht.

Interviews und Protokolle: Ute Stephanie Mansion

„Die Kamera habe ich als Befreiung erlebt“

Dr. Andreas Wagner (50) ist Informatiker, sehbehindert und lebt in Essen. Ich arbeite bei einem IT-Dienstleister in Düsseldorf. Mein Sehvermögen hat sich seit meiner Geburt nicht verändert – mein Visus liegt zwischen 20 und 30 Prozent. Dass irgendjemand gezögert hätte, mich wegen der Sehbehinderung einzustellen, habe ich nicht erlebt. Und meine Kollegen nehmen Rücksicht: Wenn wir irgendetwas gemeinsam am Bildschirm anschauen müssen, kommen sie an meinen Platz. Was mir geholfen hat, sind technische Hilfsmittel, im Wesentlichen eine Vergrößerungskamera für die Ferne.

Ich nutze sie bei Meetings und Konferenzen, wenn etwas an die Wand projiziert wird. Vorher war ich angewiesen auf gutes Zuhören und mein Gedächtnis, was aber schwierig ist in diesem Bereich. Wenn Programmcode-Beispiele gezeigt werden, kann man diese nicht durch Hören erfassen. Die Kamera habe ich als Befreiung erlebt.

Ein anderes Beispiel: An der Uni Duisburg-Essen sollte eine Projektstelle mit mir besetzt werden. Die Personalverantwortlichen sagten aber, so schnell könnten sie das nicht entscheiden, sie müssten die Frauenbeauftragte einschalten. Da sagte ein Kollege aus dem Projekt, der gewünschte Mitarbeiter, also ich, hätte eine Schwerbehinderung. „Ja, in dem Fall können wir es sofort klarmachen“, hieß es dann.

Ansonsten war es hilfreich, dass sich ein technischer Berater des Integrationsamts meinen Arbeitsplatz an der Uni angesehen hat. Er hat mich bei Hilfsmitteln auf Ideen gebracht, auf die ich gar nicht gekommen wäre. Das Wichtigste war ein Monitor-Arm, mit dem ich den Leseabstand zum Bildschirm verringern kann. Kleine Maßnahmen, große Wirkung. Für meinen jetzigen Arbeitsplatz wollte mein Arbeitgeber den Monitor-Arm nicht beim Integrationsamt beantragen. Das würde ihm zu lange dauern, den würden sie sofort anschaffen. Man hört ja oft, für Schwerbehinderte sei der öffentliche Dienst zu empfehlen – ich habe eine andere Erfahrung gemacht. Doch das will ich nicht verallgemeinern. Man muss den Einzelfall betrachten. Bei den Beantragungsverfahren im öffentlichen Dienst hätte ich wahrscheinlich noch Wochen auf den Monitor-Arm gewartet.

Stellensuche: „Das ist in gewisser Weise Lotto“

Dirk Berhörster (49), blind, ist seit 2018 arbeitslos und lebt in Essen. Früher habe ich als Schlosser im Metallbereich gearbeitet, konnte diese Arbeit aber aufgrund der fortschreitenden Erblindung nicht weiterführen. Ich bin späterblindet, habe aber noch einen Sehrest. Am Berufsförderungswerk Düren habe ich dann Telefonist gelernt. Jetzt versuche ich, eine Stelle zu finden, was nicht so einfach ist. Öffentliche Einrichtungen stellen zwar Menschen mit Behinderung ein, aber da sind die Stellen rar gesät. Das ist in gewisser Weise Lotto.

Ich hatte eine Kurzbeschäftigung bei einer Firma in einer Art Callcenter. Die Datensätze waren aber zu umfangreich: Mit der Vergrößerungssoftware konnte ich jeweils nur einen kleinen Ausschnitt sehen und musste vieles auf einer Seite suchen – das war ein großer Zeitaufwand und auf Dauer nicht machbar.

Man muss viel Glück haben, um in eine Stelle hineinzurutschen. Ich kenne viele blinde und sehbehinderte Leute, die eine Arbeit suchen. Ihnen werden aber Steine in den Weg gelegt. Viele Arbeitgeber glauben, es wäre mit besonders viel Arbeit verbunden, einen blinden oder sehbehinderten Menschen einzustellen. Einen Sehenden müssten sie aber auch einarbeiten. Und die Hilfsmittel werden ja gestellt; meine sind sogar vorhanden. Es gibt viele Möglichkeiten, wenn der Arbeitgeber generell bereit ist. Ich habe aber das Gefühl, die meisten wollen es gar nicht. Blindheit oder eine Sehbehinderung sind halt außergewöhnlich, sie können sich die Arbeit mit ihnen nicht vorstellen. Wenn ich mir überlege, was so eine Firma an Ausgleichsabgaben zahlt, das ist ja gar nichts. Warum schraubt man die Abgaben nicht höher?

Ich kann nur hoffen, dass es irgendwann mal klappt, aber ich werde bald 50, und dann sieht es auch schlecht aus. Ich könnte Erwerbsminderungsrente beantragen, aber da würde durch meine langjährige Erblindungsgeschichte nicht viel herumkommen.

„Als Freiberufler erfahre ich Wertschätzung“

Fred P. Lohr (50), ist Gitarrenlehrer, blind und lebt in Frankfurt am Main. Seitdem ich freiberuflich als Gitarrenlehrer arbeite, klappt es viel besser mit der Assistenz. An meinem vorherigen Arbeitsplatz konnte ich nicht immer auf die Assistenzkraft zugreifen. Jetzt bekomme ich Geld dafür und suche mir die Leute selbst aus. Natürlich habe ich dadurch ein bisschen Arbeit, etwa wegen der Abrechnungen, aber in der abhängigen Tätigkeit wurde mir jemand zugeteilt, der auch andere Dinge machen musste, also über meinen Geldtopf für andere Dinge beschäftigt wurde, und das ist halt unangenehm. Ich habe gemerkt: Das will ich so nicht. Das war für mich ein Antrieb, freiberuflich tätig zu werden.

Auch das Beantragen von Hilfsmitteln geht als Freiberufler viel schneller – natürlich musste ich nachweisen, dass ich das nicht als Hobby mache. Gitarre unterrichte ich etwa seit dem Jahr 2000, seit 2010 habe ich meine kleine Gitarrenschule. Jetzt stehe ich selbst für meine Arbeit gerade und erfahre Wertschätzung. Ich verdiene weniger also vorher, aber das ist der Preis, den ich gern dafür bezahle.

„In der Behörde bin ich sehr unterstützt worden“

Bettina Dargel (50) ist Justizangestellte, fast blind und lebt in Düren. Ich arbeite seit sieben Jahren in einer Justizbehörde in Aachen im mittleren Dienst. Ich bin im Servicebereich, im Bereich Aktenverwaltung, Aktenkontrolle, tätig. Benachteiligungen aufgrund meiner Behinderung erlebe ich von Seiten des Arbeitgebers keine. Im Gegenteil, ich bin sehr gut integriert und erlebe sehr viel Rücksichtnahme. Ich habe einen barrierefreien, also mit Hilfsmitteln ausgestatteten Arbeitsplatz – nach meiner Umschulung wurden die von der Agentur für Arbeit bereitgestellt. Auch da gab es in der Behörde viel Engagement, sich damit auseinanderzusetzen. Ich bin die erste in dieser Behörde, die mit solchen Hilfsmitteln arbeitet, mit Braillezeile, Bildschirmlesegerät und anderen – da war viel Interesse, und ich bin sehr unterstützt worden.

Mein ursprünglicher Beruf ist Heilerziehungspflegerin. Ich habe die Ausbildung gemacht und ein paar Jahre lang stundenweise in einem Heim für geistig behinderte Menschen gearbeitet; manche waren mehrfach behindert. Der pflegerische Aufwand war hoch, Medikamente mussten verabreicht werden. Irgendwann habe ich beschlossen, dass das nicht mehr geht, weil die Sehbehinderung fortschritt und ich mich der Verantwortung nicht mehr gewachsen fühlte.

„Mit Handicap zieht man immer den Kürzeren“

Georgios Betsos (39), sehbehindert, ist gelernter IT-Systemelektroniker und war zuletzt als Kundenberater tätig. Er lebt in Wanne-Eickel. Gute Erfahrungen habe ich im Job mit dem Integrationsfachdienst Sehen gemacht. Er hat sich optimal um die Versorgung mit allen notwendigen Hilfsmitteln gekümmert, inklusive Termin beim Berufsförderungswerk Düren zur Hilfsmittelerprobung. Anders sieht es nun aus, wo ich arbeitslos bin. Trotz voller Ausstattung und Eingliederungshilfe kam ich nie weiter als bis zu Vorstellungsgesprächen. Sobald das Thema Behinderung zur Sprache kam, ging es nicht weiter.

Es gibt Arbeitgeber, die offen sind, allerdings wurde mir auch dort trotz zehn Jahren Berufserfahrung lediglich der Mindestlohn angeboten. Es ist extrem schwierig, überhaupt Arbeitgeber zu finden, die offen kommunizieren, auch Menschen mit Behinderung einstellen zu wollen. Oft habe ich auch gehört, dass Fremdsoftware, die ich brauche, um die Bildschirminhalte zu vergrößern, nicht gewünscht ist. Weiterbildungsangebote sind selten barrierefrei oder man lernt dort so wenig, dass man auch danach keine Chance auf dem freien Arbeitsmarkt hat.

Toll wäre es, wenn es staatlich geförderte Stellen gäbe, die ausschließlich Menschen mit Behinderung vorbehalten sind. So könnte man den Menschen reelle Chancen bieten, an der Gesellschaft teilzuhaben, ihren Sozialbeitrag zu leisten und ihr Leben selbstbestimmt zu führen. Im direkten Vergleich zu Bewerbern ohne Handicap zieht man immer den Kürzeren. Alle schreiben sich soziales Engagement auf die Fahne, aber die wenigsten sind ernsthaft bereit, sich auf behinderte Menschen einzustellen.

„Gute Erfahrungen mit dem Integrationsamt“

Stephan E. (28), ist Jurist, blind und lebt in Hannover. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich auf Bewerbungsschreiben, in denen ich meine Behinderung angesprochen habe, regelmäßig keine Antworten erhalten habe oder direkt Absagen. Wenn ich es nicht reingeschrieben habe, wurde ich zu Vorstellungsgesprächen eingeladen.

Gute Erfahrungen habe ich mit dem Integrationsamt gemacht, das für technische Hilfen sorgt und für Assistenz zuständig ist. Auch der Antrag auf Eingliederungszuschuss wurde von der ZAV, der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung der Agentur für Arbeit, schnell bearbeitet.

„Mein Assistent und ich sind ein gutes Team“

Karla Schopmans (56) ist Sozialarbeiterin, blind, und lebt in Kassel. Ich bin durch ein achtwöchiges Praktikum in mein Arbeitsfeld gekommen und konnte dadurch dem Chef und den Kolleginnen und Kollegen vermitteln, wie blinde Menschen mit psychisch kranken Menschen arbeiten. Ohne das Praktikum hätte ich die Stelle sicher nicht bekommen. Ich habe damals Aussagen gehört wie „Blinde Menschen können das doch nicht – denen fehlt doch der Blickkontakt“. Am Anfang gab es also ein paar Bedenken, mich einzustellen. Meine Stelle wurde drei Jahre lang über einen hessischen Sondertopf finanziert, und der Arbeitgeber verpflichtete sich, mir danach eine Festanstellung anzubieten. Nun bin ich seit fast 27 Jahren bei diesem Arbeitgeber.

Ich habe innerhalb des Vereins meine Schwerpunkte gewechselt und bin jetzt im Bereich „Betreutes Wohnen“ für Menschen, die intensive Unterstützung brauchen, tätig. Darüber hinaus leite ich eine Angehörigengruppe und arbeite seit vielen Jahren im Betriebsrat mit. Mit Vorgesetzten oder Kolleginnen und Kollegen habe ich keine Probleme, die aus der Blindheit resultieren. Wenn ich Unterstützung brauche, bekomme ich sie auch. Ich arbeite mit einem Assistenten zusammen – wir sind ein gutes Team und das schon seit mehr als 20 Jahren.

Was die Arbeit für mich schwieriger macht, ist die zunehmende Digitalisierung. Nicht alles ist barrierefrei, und das kostet mich manchmal Nerven. Da muss mein Assistent einiges ausgleichen. Wir haben ein System, das auch für die sehenden Kollegen relativ unübersichtlich ist.

Beim Erstkontakt stellen sich die Klienten, nach anfänglicher Irritation, sehr schnell auf meine Blindheit ein, und es entsteht nach kurzer Zeit ein vertrauensvolles Arbeitsbündnis.


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Über diesen Podcast

Hier finden Sie den Podcast des DBSV-Verbandsmagazins "Sichtweisen“, der aus zwei Reihen besteht:

Für „Leseprobe“ wählen wir aus jeder Ausgabe einen Beitrag aus und stellen ihn hier zur Verfügung - zum Reinhören und Reinlesen!
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