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Einmal Hölle und zurück

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Trauer, Schmerz, Depression: All das hat der Rapper Vokuz, mit bürgerlichem Namen Daniel Räuber, früher in seine Song-Texte gesteckt. Er hat so verarbeitet, dass er mit 17 Jahren erblindete. Heute, mit 25, sei er glücklicher als je zuvor, sagt er. Mit seinen Songs will er positive Energie verbreiten und indirekt auch zeigen, was Leute mit Behinderung schaffen können.

Von Daniel Räuber alias Vokuz

Mein fünf Jahre älterer Bruder hat vor mir angefangen zu rappen, und er hat mich gepuscht, als ich 13 oder 14 war: „Hey, du hast Taktgefühl, du hast Talent – du musst rappen.“ Hiphop-Musik mit dem Rap-Sprechgesang war die Musik, mit der ich mich in jugendlichem Alter am ehesten identifizieren konnte. Rap kann man auch machen, wenn man nicht der begnadetste Sänger ist, aber Spaß daran hat, sich musikalisch auszudrücken. Ich bin kein begnadeter Sänger, aber ich kann mittlerweile recht gut mit meiner Stimme umgehen.

Ich bin mit 17 Jahren erblindet, durch eine sehr seltene erbliche Augenerkrankung. Das war für mich der größte Einschnitt, den es hätte geben können. Damals: Depressionen um mich herum, suizidale Gedanken. Soll ich dieses Leben überhaupt noch mal starten, ganz oder gar nicht, trau‘ ich mich, schaff‘ ich das überhaupt, ist mein Leben noch lebenswert? Fragen, mit denen ich mich beschäftigt habe. Ich bin einmal durch die Hölle und zurückgegangen. Ich war am Boden, hatte keine Lust mehr zu leben. Für mich war alles grau und trist – metaphorisch gesprochen, aber auch in der Realität.

Die Erblindungsphase hat etwa ein Jahr gedauert. Und nach diesem Jahr habe ich mich aufgerafft und gesagt: Ich starte wieder irgendwas. Und dann habe ich alles in Songs verarbeitet. Meine erste EP hieß „Blindenschrift“. EP steht für „extended player“, das sind kleine Alben von etwa sechs Songs. Im Song „Parkhaus“ erzähle ich, wie ich überlege, will ich noch leben, will ich nicht, entscheide mich eigentlich für Nein und beschreibe den Weg bis aufs Parkhausdach. So habe ich meine Suizidgedanken verarbeitet.

Das waren die ersten Schritte. Dann habe ich irgendwann meine zweite EP „Bipolar“ veröffentlicht. Eine bipolare Persönlichkeitsstörung besteht ja aus extremen Hochs und extremen Tiefs. Ich habe wieder mehr Positives wahrgenommen, konnte wieder Kraft schöpfen. Musik ist das beste Ventil, um sich Druck und Schmerz von der Seele zu schreiben. So bin ich dahin gekommen, dass ich heute keine Trauer, keinen Schmerz mehr in die Musik stecken muss, sondern nur positive Gefühle.

Seit ich vor zwei, drei Jahren meinen Fokus auf die Musik gelegt habe, entwickelt sich bei mir alles in eine positive Richtung. Ich freue mich über jeden Tag, an dem ich lebe. Ich habe nur Energie, und die Leute um mich herum bewundern mich für diese Energie und für meine Arbeitsmoral, sodass ich mittlerweile eine treibende Kraft bin. Zuvor habe ich eine Ausbildung zum Mastering Engineer gemacht; Tontechniker oder Audio-Ingenieur könnte man auch sagen. Seit Anfang dieses Jahres mache ich hauptberuflich Musik. Meine Songs vertreibe ich im Internet über Spotify, YouTube etc. ich nehme auch gelegentlich Leute in meinem Studio zu Hause auf oder mache Vocal Coaching. Hin und wieder schreibe ich auch Songs für andere.

Kein Musiker „überlebt“ ohne ein gutes Team im Rücken. Ich habe ein super Umfeld in allen Bereichen, es ist sehr familiär, sehr harmonisch – dafür bin ich dankbar. Ich knüpfe auch immer mehr Kontakte. Das Puzzle meines Lebens fügt sich – ich bin sehr ausgeglichen, sehr zufrieden.

Meine Texte werden auf Leute, die mich von früher kennen, heute oberflächlicher wirken, doch zwischen den Zeilen hört man, dass ich in diesem Leben mehr sehe als Materialismus und Oberflächlichkeiten. Aber ich möchte nicht auf die Tränendrüse drücken, ich möchte kein Mitleid, ich möchte einfach schöne Songs machen. Songs, die man zum Chillen hören kann, beim Autofahren, morgens beim Aufstehen, beim Feiern. Da geht’s auch mal um schöne Frauen, um ein schönes Auto, um Lifestyle. Meine Texte sind weder homophob noch frauenfeindlich, so was gibt’s bei mir nicht. Ich rappe, singe über das, was mich umgibt, was ich erlebt habe und gern erleben würde. Ich habe gerade nichts mehr zu betrauern, ich habe mir meine Lebensqualität wiedergeholt durch die Musik, und das schreibe ich auf. Im Moment arbeite ich viel, aber ich genieße auch viel.

Ich thematisiere nicht, dass ich blind bin. Wenn Leute ein Video von mir sehen, sollen sie denken: geiler Song, cooler Typ, coole Bewegung, coole Performance. Wenn sie im Nachhinein erfahren, dass ich blind bin, sollen sie sagen: Wie kann der blind sein, wie kann der sich so bewegen, wie kann das funktionieren? So bewege ich hoffentlich etwas in den Köpfen. Ich sehe mich selbst nicht als blind. Ich bin es, aber das hat keine Auswirkungen auf mein Leben, ich mache mein Ding. Natürlich freue ich mich, wenn mir blinde oder gehandicapte Leute schreiben, dass ich sie inspiriere oder ihnen Kraft gebe.

Für mich sind Ray Charles und Stevie Wonder inspirierend. Das sind character, das sind Legenden, Leute, die musikalisch Meilensteine gesetzt haben, die aus einer schwierigen Situation zu einer noch schwierigeren Zeit was gerissen haben, was nichtbehinderte Leute nicht geschafft haben.

Wenn das Leben einem Niederschläge verpasst: aufstehen, kämpfen! Diese Botschaft möchte ich noch mehr in die Außenwelt tragen. Das muss nicht mal eine Behinderung, es kann auch eine Beziehung sein, die zu Bruch geht, egal was – ich möchte einfach, ohne der Moralapostel zu sein, für Power und Energie stehen. Vor zehn Jahren hätte ich nie gedacht, dass ich mal blind werde und an Suizid denken würde. Und vor fünf Jahre, als ich dachte, ich würde Suizid begehen, hätte ich niemals gedacht, dass ich heute sage: Ich liebe jeden Tag. Ich stehe jeden Tag mit einem Lächeln auf und schlafe jeden Tag mit einem Lächeln ein. Ich habe mich in einer ohnehin schwierigen Zeit meines Lebens von einem Schicksalsschlag nicht unterkriegen lassen, sondern in meinem Kosmos etwas Großes daraus erschaffen, worüber ich glücklich bin. Ich habe durch diese Entwicklung auch mehr zum Glauben gefunden.

Musik, Familie, Freunde: Das ist alles, was für mich zählt. Zu meiner Familie zähle ich auch meinen Hund. Auch meine Familie merkt, dass ich mehr angekommen bin im Leben, als ich es jemals war – ich bin glücklicher als zu der Zeit, als ich gesehen habe. Das macht sie vielleicht auch ein bisschen stolz und zufrieden, und das ist für mich unbezahlbar.

Daniel Räuber (25) lebt in Frankfurt am Main.


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Hier finden Sie den Podcast des DBSV-Verbandsmagazins "Sichtweisen“, der aus zwei Reihen besteht:

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